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Dieter

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Die unglücklichen Grschwister

Unweit Konstanz, dort wo sich der Rhein in den Untersee ergießt, steht das altersgraue Schloss Gottlieben*, in dem einst Johann Hus und Papst Johann XXIII. gefangensaßen. In diesem Schloss lebte am Ende des siebzehnten Jahrhunderts ein Vogt, namens Jost von Salenstein. Er hatte zwei Söhne, von denen Hartmut, der Ältere, zum Erben der väterlichen Güter bestimmt war, während Erwin, der jüngere, nach Abschluss seiner Studien Mönch werden sollte. Erwin aber, ein fröhlicher und hübscher Bursche, kräftig und lebhaften Geistes, wünschte nichts weniger, als ein Mönch zu werden. Vielmehr wollte er das Schwert führen und bat darum seinen Vater oft und dringend, dass ihn dieser doch zum Heer des tapferen Markgrafen Ludwig von Bayern oder zu den Truppen des nicht minder ruhmreichen Prinzen Eugen von Savoyen ziehen lasse. Aber der bigotte Alte sah den jungen bereits als Abt von Reichenau und wollte darum nichts von anderen Plänen wissen.
Es kam der Herbst des Jahres 1692 heran, in dem Erwin zu Konstanz seine Studien beendete und sich nach Gottlieben begab, um hier noch einige Monate bis zu seinem Klosterdasein zu verbringen.
Eines Tages ging Erwin auf Entenjagd ans Ufer des Untersees. Im sumpfigen Ufergelände spürte er einen angeschossenen Vogel auf, stürzte dabei in den Morast und versank sogleich bis zur Brust darin. Zwar gelang es ihm, noch etliche Zweige eines Erlenbusches zu ergreifen, merkte jedoch, dass er so vor dem völligen Versinken nicht gerettet war. Aus Leibeskräften schrie er um Hilfe und wurde auch bald von einem alten, graubärtigen Fischer gerettet, der ihn in seine Hütte mitnahm.
Und hier begegnete er dem Mädchen, das ihm - wie er ihr zum Schicksal werden sollte. Sie war überaus reizend, schlank und schön, und mit einem bezaubernden Lächeln sorgte sie sich um den Verunglückten. Erwin war völlig verwirrt, er konnte nicht einmal seinen vollen Namen aussprechen und sagte nur stotternd, er heiße Erwin, »ein in die Pfütze gefallener Studiosus«. Er fühlte eine tiefe Scheu vor dem Mädchen und verlangte doch nichts mehr, als niemals wieder von ihrer Seite zu weichen.
Wieder in Gottlieben tat er alles, um sie wiederzusehen. In der Folge fiel es dem alten Jost von Salenstein öfters auf, dass sein jüngster Sohn zwar lange Jagdzüge unternahm, doch von jedem ziemlich beutearm zurückkam. Der Fischer wiederum schien nicht sonderlich erbaut zu sein, wenn er, vom Fang heimkehrend, noch jedes Mal den ihm fremden jungen Mann bei seiner Pflegetochter antraf. Eines Abends sprach er sich mit ihr auch einmal ziemlich wortkarg und brummig darüber aus, sagte dabei, der junge Herr scheine ritterlichen Standes zu sein, und ein Falke passe schlecht zu einer Taube. Das Mädchen blitzte ihn aber nur an, und ihre Verliebtheit spürend, verstummte der Fischer.
Was weiter geschah, war nichts als Unglück. Unna, so hieß das Mädchen, und Erwin genossen zunächst ihre Liebe in vollen Zügen und wollten sich nie mehr trennen.
Als eines Tages Erwin ihr gestand, dass er fürs Kloster vorgesehen war, gestand sie ihm, keineswegs niederer Abkunft zu sein. Ihr Pflegevater, so schloss sie, habe ihr einst dieses Geheimnis offenbart, ohne ihr jedoch den Namen ihrer Eltern zu enthüllen. »Mir wird er ihn sagen müssen!« rief Erwin aus. Er sah bereits ein Hindernis seiner Verbindung mit Unna schwinden. Er lief zur Fischerhütte und fragte ohne Umschweife den Alten nach dem, was er erfahren wollte.
»Und warum sollte ich Euch das sagen?« entgegnete der Greis, indem er seine Flickarbeit unterbrach.
»Weil Unna meine Frau werden soll!«
»Wartet, junger Herr. Wer seid Ihr selbst?« »Erwin, Sohn des Jost von Salenstein.«
Der Alte blickte verstört um sich. »Da sei Gott vor«, murmelte er bleich. Und lauter: »Ihr hättet mir Euren vollen Namen schon damals sagen müssen. Nun geht, woher Ihr gekommen seid. Unna dürft Ihr nicht wiedersehn. Wenn Ihr den Grund erfahren wollt, so fragt Euren Vater!« »Meinen Vater?« rief Erwin bestürzt. Der Fischer gab ihm keine Antwort mehr, sondern drängte, dass Erwin sich entferne.
Unna, die das Ende der Unterredung mit angehört hatte, wurde hastig und beinahe grob in die Hütte geführt. Erwin stand noch einige Sekunden da, unfähig, das Ganze zu begreifen, ehe er sich plötzlich umwandte und eilends den Heimweg einschlug. Er wollte gleich von seinem Vater Aufklärung erhalten. »Wer ist Unna?« waren die ersten Worte, mit denen er in Gottlieben eintrat.
»Unna? Was ist mit ihr?« verfärbte sich der alte Jost.
Und jetzt brach es aus dem Sohn hervor: dass er nie und nimmer Mönch werden, sondern ein Gut bewirtschaften und heiraten wolle. Unna sei bereits die Seine geworden, keine Macht könne ihn von ihr trennen.
Die Augen des jungen standen plötzlich voll Tränen.
Der Vater stand totenbleich vor dem Sohn und rief entsetzt: »Hast du dem Fischer denn nie deinen Namen genannt, oder hat er, ohne mir Kunde zu geben, das Schreckliche zugelassen!?«
»Das Schreckliche? « wollte Erwin bestürzt wissen. »Sie ist deine Schwester!«
Nun erzählte der Alte, stockend und beschämt, dass er einst Ehebruch begangen habe und dann Unna auf die Welt gekommen sei. Die Mutter war im Kindbett gestorben. Darauf hatte Jost die Tochter mit einem größeren Geldbetrag der Frau des Fischers übergeben, und diese hatte das Kind großgezogen.
Entsetzt hörte Erwin zu. Und als der Vater sagte, es bleibe nichts anderes übrig als eben dies, Erwin wie Unna müssten ins Kloster, um ihren, wenn auch in der Unwissenheit begangenen schrecklichen Fehltritt zu sühnen, sprang der junge auf und schrie völlig außer sich: »Nie und nimmer!« und stürzte hinaus.
Jost von Salenstein sandte ihm gleich einige Knechte nach. Als sie zur Hütte des Fischers kamen, fanden sie diese leer. Der Vater, wenig später eintreffend, bat sie, längs des Sees zu suchen, und hörte, wie sie sich rufend im dichten Uferwald verloren. Dann saß er lange vor der-Hütte, wie zu Tode erschöpft und immer wieder das Furchtbare überdenkend. Danach machte er sich auf, den Fischer zu suchen. Aber er fand ihn nicht. Der Fischer tauchte auch später niemals wieder auf.
Vier Tage darauf wurden Erwins und Unnas Leichen unweit der Hütte aus dem See geborgen. Noch im Tod hielten sie sich fest umschlungen und wurden so auch begraben. Die Geschichte ihrer unglücklichen Liebe blieb bis in die neueste Zeit hinein den Anwohnern des Untersees bekannt und wurde stets erinnert, wenn man von dem Schloss Gottlieben berichtete.
13.07.09, 22:07:12
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