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Henning

(Märchensammler/in)

Der alte Koffer

Ein alter Herr, der viel reiste, besaß einen Koffer. Schön war der Koffer nicht, sondern grundhässlich; denn er war mit struppigem Seehundsfell überzogen und hatte eiserne Bänder und Ecken. In dem Fell aber waren schon oft die Motten gewesen, und das eiserne Beschläge war stark verrostet, hatte auch mit der Zeit manchen Buckel und manche Schmarre bekommen.

"Der kann was vertragen", sagten die Kofferträger, wenn sie ihn aus dem Wagen hoben. Bums! warfen sie ihn hin, dass es krachte. Das war nun gerade nicht dazu angetan, die ohnedies schon üble Laune des alten Koffers zu mildern. Mit seinen eisernen Ecken stieß und knuffte er jeden, der ihm in den Weg kam. "Ihr braucht mir ja nicht zu nahe kommen", brummte er, wenn die andern Koffer, mit denen er zusammen reiste, sich darüber beklagten. "Ihr wollt euch doch bloß ansehn, wie struppig ich bin."

Aber der Herr, dem der Koffer gehörte, war ein Sonderling. Wenn er zu Haus war, musste der Koffer stets in seiner Stube unter dem vergoldeten Spiegel stehen, obgleich es recht komisch aussah: der alte, hässliche Koffer in der sonst ganz hübschen, gemütlichen Stube. Und wenn er reiste und irgendwo einkehrte, war es stets das erste, dass er sich den Koffer bringen und neben sein Bett stellen ließ.

"Es wird wohl Geld im Koffer sein!" meinten die Leute, "weil er ihn gar nicht aus den Augen lässt."

Doch in diesem Punkte waren sie völlig auf dem Holzwege. Etwas darin war schon; aber Geld? Nein, Geld am allerwenigsten!

War nun der alte Herr ganz allein in der Stube, so drückte er auf eine geheime Feder. Schwupp! sprang der Koffer auf, und was war darin? Ein vollständig verschlossener, prachtvoller Kasten mit rotem Samt beschlagen und mit goldenen Tressen und Schnüren besetzt.

Sobald jemand anderes in die Stube eintrat, schnapp! schlug der Deckel zu.

Doch das Dienstmädchen des alten Herrn war sehr schlau. Einmal ließ sie die Schuhe vor der Türe stehen und schlich ganz leise in Strümpfen bis an den Koffer hin, der gerade offen stand.

Sie war schon ganz dicht daneben, und als sie es so rot und golden im Koffer blinken sah, vergaß sie sich und rief: "Herrgott, der alte Koffer ist ja wohl inwendig ganz hübsch!" Da merkte der Koffer, dass jemand Fremdes da sei. Schnapp! schlug er mit Gewalt zu und hätte ihr beinahe den Finger abgeklemmt; denn sie wollte eben hineingreifen, um sich zu überzeugen, ob es wirklich Samt und weich wäre.

"Pfui!" sagte sie erschrocken, "was ist das für ein alter, garstiger Koffer; mit dem darf man sich gar nicht einlassen!" Wenn sie später jemand nach dem Koffer fragte, mit dem der Herr so geheim tue, und ob nicht irgend etwas Besonderes daran sei, erwiderte sie, es sei gar nichts an dem alten Koffer und darin noch weniger. Jeder Mensch habe seine Eigenheiten, besonders was alte, unverheiratete Leute seien. Ihr Herr habe nun einmal sein Herz an den alten struppigen Koffer gehängt; weiter sei es nichts.

Aber es war doch etwas Besonderes in dem Koffer. Denn zuweilen riegelte der alte Herr vorsichtig sämtliche Zimmertüren zu, drückte auf die geheime Feder, so dass der Deckel aufsprang, horchte dann noch einmal, ob alles draußen still wäre, und wenn er niemanden hörte, hob er den roten Samtkasten aus dem Koffer heraus und setzte ihn vor sich auf den Tisch. Darauf drückte er auf eine zweite verborgene Feder am Kasten, und der rote Samtdeckel sprang auch auf.

Und was war darin?

Unglaublich, aber wahr! Eine ganz niedliche kleine Märchenprinzessin mit zwei langen Zöpfen hinten herunter und roten Hackenschuhen. Sie sprang auch sofort mit gleichen Beinen aus dem Kasten heraus, setzte sich darauf und ließ die Beine baumeln - und das machte sie so reizend - und fing dann an, die allerhübschesten Märchen zu erzählen.

Und der alte Herr saß im Lehnstuhl und hörte ihr aufmerksam zu. -

Eines Tages, als sie eben mit Erzählen fertig war, sagte sie: "Ich habe dir nun schon so viele hübsche Märchen erzählt; ich glaube, du vergisst sie immer wieder. Kannst du sie nicht aufschreiben?"

"O ja", antwortete der alte Herr, "aufschreiben könnte ich sie schon, wenigstens so einigermaßen und freilich bei weitem nicht so hübsch, als du sie erzählst; aber es darf niemand wissen, woher ich sie weiß, und besonders nicht, dass du in dem alten Koffer steckst. Denn ich muss dich ganz allein haben. Sonst kommen gleich alle Leute und wollen dich besehen und tapsen dich mit ihren ungeschickten Fingern an. Der Samt am Kasten würde auch bald schlecht werden."

"Nein, um Gottes willen!" entgegnete die kleine Märchenprinzessin. "Aber wundern würden sich die Leute doch, wenn sie wüssten, wer in dem alten Koffer steckt."

Und dann lachte sie.

"Still!" sagte auf einmal der alte Herr, "es klopft jemand an der Türe. Kriech rasch wieder in den Kasten." Sodann trug er eilig den Kasten in den Koffer. Schnapp! schlug der Deckel mit Seehundsfell zu, und als das Dienstmädchen - denn sie war es - hereinkam und den Tee brachte, stand der alte Koffer wieder ganz mürrisch und struppig unter dem Spiegel. Als sie an ihm vorbeiging, gab sie ihm heimlich, und ohne dass der alte Herr es merkte, einen Fußtritt und murmelte: "Alter garstiger Koffer, gestern hast du mir beinahe den Finger abgeklemmt."



Liebe Leserin, lieber Leser
meine Phantasie lässt diese Geschichte weiter gehen. Ich sehe den alten Herrn zu Papier, Feder und Tinte greifen und zu schreiben und schreiben und schreiben. Viele Blätter werden mit seiner feinen Schrift gefüllt, bis schließlich alle Geschichten zu lesen sind. Ein Buchbinder verwandelt den Stoß Blätter in ein kleines Büchlein und versieht den Einband mit einer kunstvollen Schrift:

Träumereien...

So sind alle diese Märchen zu mir gekommen.

In der realen Welt heißt dieser nette alte Herr Richard von Volkmann - Leander. Es ist Adventszeit - Dezember 1870. Vor der eingeschlossenen Festung Paris liegen die preußischen Truppen, den letzten Widerstand Frankreichs zu brechen. In der Festung Paris hungern tausende französische Kinder. Ihre Eltern bezahlen für Ratten Schwarzmarktpreise . . .
Richard von Volkmann - Leander sitzt am flackernden Feuer des Kamins in einem alten Schloß. Draußen tobt der Sturm. Er stützt den Kopf in die Hände und starrt in die Flammen. Träumt er? Was sieht er?
Volkmann - Leander ist aber nicht Soldat, sondern Arzt. Er hat im Laufe dieses Feldzuges vielen Soldaten, deutschen und französischen, das Leben gerettet. Und vielleicht gibt ihm allein diese Arbeit als Chirurg das Recht, sich abends Märchen auszudenken, Märchen für Kinder irgendwo in Deutschland, die glücklicher sind als ihre kleinen Pariser Schwestern und Brüder.
Ein merkwürdiger Zauber geht von den Märchen aus, und man kann ihn nicht recht deuten, ohne stets daran zu denken, wie diese Märchen entstanden sind.
Außer diesen Märchen hat der Volkmann-Leander nicht mehr viel veröffentlicht. Sein Amt und seine ärztliche Praxis fordert wieder den ganzen Mann, dem kaum Zeit zum Geschichtenerzählen blieb. Er wurde sehr erfolgreich, in der Geschichte der Medizin ist er unvergessen als der Vorkämpfer einer neuen Wundbehandlung.
Doch diese ärztliche Leistung wird überstrahlt durch den Ruhm, den er sich mit jenem Märchen, ersonnen vor dem französischen Kamin, erwarb. Es liegt wohl in ihrem Ton, der uns sagt, wie unwichtig es ist, ob wir nun in Paris oder Berlin geboren sind, ob wir Deutsche oder Franzosen sind oder sonst eine Staatbürgerschaft tragen. Zuerst sind wir einmal alle Babies. dann Kinder, dann Jungen und Mädchen, dann Erwachsene, die alle in ihrer Zeit ihren Platz haben und deren Leben lebenswert sein soll.
16.04.09, 13:10:17
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