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Henning

(Märchensammler/in)

"Der Fischer und seine Seele" ein Märchen von Oscar Wilde.
Hier wurde es nach dem englischen Original " The Fisherman and his Soul" von Henning Vieser neu erzählt.

- bei den Tartaren -


Als ein Jahr vergangen war, kam die Seele herunter ans Ufer der See und rief den jungen Fischer. Er stieg aus der Tiefe empor und sagte:" Warum rufst du mich?"

Die Seele antwortete: "Komm näher, dass ich mit dir sprechen kann, denn ich habe wunderbare Dinge gesehen."

Er kam näher, streckte sich im flachen Wasser aus, lehnte sein Haupt auf seine Hand und hörte zu.

Und die Seele erzählte:" Als ich dich verließ, wandte ich mich nach Osten und begann meine Reise. Vom Osten kommt alles, was klug und weise ist. Sechs Tage wanderte ich und am Morgen des siebten Tages kam ich zu einem Hügel im Lande der Tartaren. Ich setzte mich in den Schatten eines Tamariskenbaumes, um mich vor der Sonne zu schützen. Der Boden war ausgetrocknet und von der Hitze verbrannt. Menschen liefen da über die Ebene wie Fliegen auf einer polierten Kupferscheibe.

Zur Mittagszeit stieg eine Wolke roten Staubes am Horizont des Landes auf. Als die Tartaren sie sahen, spannten sie ihre bemalten Bogen, sprangen auf ihre kleinen Ponies und galoppierten los, um sie zu treffen. Die Frauen flohen kreischend zu ihren Wagen und versteckten sich hinter den dichten Vorhängen aus Filz.

In der Dämmerung kehrten die Tataren zurück, aber fünf von ihnen fehlten und von denen die zurückkehrten, waren nicht wenige verwundet.
Sie spannten ihre Pferd vor die Wagen und fuhren in Eile davon. Drei Schakale kamen aus ihrer Höhle und schauten ihnen nach. Dann witterten sie in der Luft und trotteten in die entgegengesetzte Richtung.

Als der Mond aufging, sah ich in der Ebene ein Lagerfeuer brennen und ging darauf zu. Eine Gruppe von Kaufleute saßen auf ihren Teppichen darum. Ihre Kamele waren hinter ihnen angebunden und Neger, welche ihre Sklaven waren schlugen im Sand Zelte aus gegerbten Fellen auf und errichteten einen hohen Wall aus Feigendisteln.

Als ich näher kam, stand der Anführer der Kaufleute auf und zog sein Schwert. Er fragte mich, was meine Geschäfte wären.

Ich antwortete, dass ich zuhause in meinem Land ein Prinz sei und dass ich vor den Tartaren geflüchtet wäre, die mich zu ihrem Sklaven machen wollten. Der Anführer lachte und zeigte mir fünf Köpfe, die auf langen Bambusstangen gespießt waren.

Er fragte mich weiter, wer Gottes Prophet sei und ich antwortete Mohammed.

Als er den Namen dieses falschen Propheten hörte, verbeugte er sich, nahm mich bei der Hand und bot mir einen Platz an einer Seite an. Ein Sklave brachte mir in einer hölzernen Schale Stutenmilch und ein Stück geröstetes Lammfleisch.

Bei Tagesanbruch starteten wir unsere Reise wieder. Ich ritt auf einen rothaarigen Kamel an der Seite des Führers und ein Läufer mit einem Speer ging uns voran. Auf beiden Seiten ritten Krieger und hinter uns folgen die Maultiere mit den Handelswaren. Es gab vierzig Kamele in dieser Karawane und Maultiere waren es zweimal vierzig an der Zahl.

Wir zogen von dem Land der Tartaren in das Land derer, die den Mond verehren. Wir sahen, wie Greife auf weißen Felsen ihr Gold bewachten und schuppige Drachen, die in ihren Höhlen schliefen. Als wir über den Gebirgspass kamen, hielten wir den Atem an, damit die Schneemassen nicht auf uns stürzen mögen. Jedermann band sich einen Gazeschleier über die Augen. Als wir dann durch die Täler zogen, schossen die Pygmäen aus ihre Baumhöhlen heraus Pfeile auf uns. Zur Nachtzeit hörten wir die Wilden ihre Trommeln schlagen. Als wir zum Turm der Affen kamen, legten wir Früchte vor ihnen nieder und so taten sie uns nichts zu Leide. Beim Turm der Schlangen gaben wir ihnen warme Milch in Messingschüsseln und sie ließen uns passieren. Drei Mal auf unserer Reise kamen wir an die Ufer des Oxus. Wir überquerten ihn auf großen Flöße aus Holz und großen Schwimmblasen aus Tierhäuten. Flusspferde griffen uns dabei an und versuchten uns zu töten. Die Kamele zitterten bei deren Anblick.

Die Könige von jeder Stadt verlangten Abgaben von uns, aber sie ließen uns nicht durch ihre Tore. Sie warfen uns Brot über die Mauer, kleine in Honig gebackene Kuchen und mit Datteln gefüllte Kuchen aus feinem Mehl. Wir gaben ihnen eine Bernsteinperle für je hundert Körbe.

Als uns die Bewohner der Dörfer kommen sahen, vergifteten sie die Brunnen und flohen auf kleine Hügel. Wir kämpften gegen die Magadäer, die alt geboren werden und jünger und jünger werden mit jedem Jahr. Sie sterben, sobald die kleine Kinder sind. Wir standen auch gegen die Lektroiden, wie von sich sagen, sie seien Söhne von Tigern. Sie bemalen sich deshalb gelb und schwarz. Auch kämpften wir gegen die Anrauten, die ihre Toten auf den Wipfeln von Bäumen bestatten. Selbst leben sie in dunklen Höhlen, damit die Sonne, welche ihr Gott ist, sie nicht erschlägt. Auch kämpften wir gegen die Krimier, die ein Krokodil anbeten und ihm Ohrringe aus grünem Glas opfern. Sie füttern es mit Butter und frischem Geflügel. Auch gegen die Agazonbäer, die Hundegesichter haben und gegen die Sibnier, die Hufen wie Pferde haben und schneller als jedes Pferd laufen können. Etwa ein Drittel unserer Gruppe starb im Kampf, ein weiteres Drittel an Erschöpfung. Der Rest murrte gegen mich und sagten, dass ich ihnen nur des Teufels Glück bringen würde. Ich zog eine Giftschlange unter einem Stein hervor und ließ mich von ihr beißen. Als sie sahen, dass ich davon nicht erkrankte, befiel sie große Furcht.

Im vierten Monat erreichten wir die Stadt Illel. Es war Nacht, als wir ein Wäldchen erreichten, das vor den Mauern liegt. Die Luft war schwül, denn der Mond stand im Skorpion. Wir pflückten die reifen Pomeranzen von den Bäumen, brachen sie auf und tranken ihren süßen Saft. Dann legten wir uns auf unsere Teppiche nieder und warteten auf den Morgen.

Als es dämmerte, erhoben wir uns und klopften an die Tore der Stadt. Die waren aus Bronze gefügt und mit Seedrachen verziert und diese Drachen hatten Flügel. Die Wächter schauten von den Zinnen herab und fragten nach unseren Geschäften. Der Dolmetscher der Karawane antwortete, das wir von der Insel Syria kämen mit sehr vielen Handelswaren. Sie nahmen Geiseln und sagen uns, dass sie zu Mittag die Tore öffnen würden und geboten uns, bis dahin zu warten.

Als der Mittag kam, öffneten sie die Tore und wir traten ein. Die Einwohner kamen in Scharen aus ihren Häusern, um uns zu sehen. Ein Ausrufer ging durch die ganze Stadt rief uns mit einer Muschel aus.
Wir standen auf dem Marktplatz und die Neger schnürten die Ballen aus bunten Stoffen auf und öffneten die geschnitzten Sykomorekisten. Als sie damit fertig waren, stellten die Kaufleute ihre fremdländischen Waren aus. Da gab es gewachste Stoffe aus Ägypten und bemaltes Leinen aus Äthiopien, Purpurschwämme aus Tyros und blaue Vorhänge aus Sidon. Da waren Schalen aus kühlem Bernstein und feines Gefäße aus Glas und seltsame geformte Gefäße ausgebranntem Ton. Eine Schar Frauen beobachteten uns von den Dächern ihrer Häuser. Eine von ihnen trug eine Maske aus vergoldetem Leder.

Am ersten Tag kamen die Priester und handelten mit uns, am zweiten Tag kam der Adel und am dritten die Handwerker und die Sklaven. So war es der Brauch im Umgang mit den Kaufleuten, solange sie sich in der Stadt aufhielten.
14.07.11, 16:59:31
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